Der Ruf nach dem «neuen, starken Mann» wird immer lauter. Der starke Mann, der Verteidiger von Heimat, Vaterland und Familie, ist wieder voll präsent! Vorallem in unsicheren Zeiten, ob gesellschaftlich oder geopolitisch geprägt, wie in den letzten Jahren. In solchen Zeiten wünscht man eine starke Führung, Zuversicht und Perspektive. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Softie mit Baby im Tragetuch über die Spielplätze schlenderte und dafür gefeiert wurde. Einen unsicheren, zu empfindlichen Mann braucht es in Krisenzeiten nicht. Ein Mann, der was tut, riskiert, entscheidet und Weitsicht zeigt ist gefragt. Natürlich rein um zu beeindrucken und um sein Ego zu befriedigen. Der Begriff des «starken Mannes» ist ein Etikettenschwindel. Der starke Mann ist nicht stark. Allenfalls ist er hart. Vor allem gegenüber Schwächeren. «Der neue, starke Mann» ist ein narzisstischer, ich-zentrierter Egoist. Stark sind Männer, die im Altersheim arbeiten, bei der Feuerwehr oder in der Notaufnahme. Männer, die jeden Tag Elend, Krankheit, Tod erleben und daran nicht kaputt gehen.
Das größte Problem in der Welt ist der „neue, starke Mann“. Dieser ist anfälliger für Krankheiten, empathielos, gewaltbereit und geschichtlich betrachtet, nicht lernfähig. Denn, solche Männer machen stets dieselben Fehler. Ironisch gemeint: Kaum sind sie in der Lage, sich die Hosen selbst anzuziehen, traut man ihnen alle Ämter zu, den Staat, Kirche und Gesellschaft zu vergeben haben. Wohin man blickt: Der neue, starke Mann der Evolution sitzt an den Schalthebeln der Macht. Kaum hat er den Hebel in der Hand, denkt er nur an sich, wird überheblich und selbstsüchtig. Die wahre Stärke in der modernen Gesellschaft liegt nicht in der Verleugnung von Schwäche, sondern in der Fähigkeit zur Reflexion, zur Anpassung und zur Authentizität.
Der „starke Mann“ war jedoch nie eine Beschreibung der Realität, sondern immer ein Ideal, das ökonomischen und sozialen Zwecken diente und missbraucht wurde. Wann immer dieses Ideal zu starr wurde, führte es zu Krisen der männlichen Identität. Doch der „neue, starke Mann“ realisiert dies leider nicht.

